Erwachsen werden

Eigentlich brauche ich nicht viel um glücklich zu sein. Sei meine Laune auch noch so mies, etwas bringt mich immer zum Lächeln: Kinder. Ich weiss noch nicht mal warum, aber jedesmal wenn ich eines sehe, fühle ich mich wohl. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass ich sie um ihre Unschuld beneide – die Letzten für die es noch kein Unheil gibt. Das mag wiederum nur eine Romantisierung sein, denn sieht man sich einmal die Statistiken an haben ein großer Teil von ihnen zumindest bereits miterleben müssen wie ihre Eltern auseinandergingen oder haben einen Elternteil nie kennengelernt. Und dennoch.

Zugegebenermaßen waren die letzten Tage nicht wirklich der Höhepunkt des bisherigen Jahres, zumal der ungewollte Schlafentzug bisher noch auf positive Folgen warten lässt. Ich beginne allerdings langsam zu verstehen, was mich zum Lächeln bringt. Ich erinnere mich. Die Erinnerung an eine Zeit als ich noch blind vertrauen konnte, als es noch kein Wenn und Aber gab, Mama immer da war und Papa alle Antworten hatte. Das Schwierige am Ausziehen und in ein fremdes Land ziehen ist nicht der Abschied, das Schwierige ist für kurze Zeit während den Ferien nach Hause zurückzukehren und wieder in dem alten Leben zu sein. Ein Leben das im Grunde genommen bereits vorbei ist. Manchmal fühle ich mich wie Peter Pan der sich weigert erwachsen zu werden und dann schaue ich mich um und erkenne, dass es bereits zu spät ist.

Dieses Wirrwarr in meinen Gedanken ist womöglich auf ein Gespräch zurückzuführen, das ich mir oft vorgestellt und gewünscht hatte, aber dem ich immer wieder aus dem Weg ging. Warum ich mich dieses Wochenende schließlich darauf einließ weiß ich nicht. Möglicherweise verdanke ich es einer Freundin durch die ich vor einiger Zeit verstand, dass man Menschen die man liebt ohne Angst vertrauen kann. Das Vertrauen und ich gehen uns aber seit über zwei Jahren aus dem Weg. Das mag die Schuld von Menschen sein die ich mal als beste Freunde bezeichnet hätte aber dies im Nachhinhein nie verdient hatten. Eventuell habe ich mich auf das Gespräch eingelassen, weil ich mich nach der Zeit zurücksehne wo Mama immer da war und Papa alle Antworten hatte.

Einer meiner Biologielehrer sagte einmal am Anfang eines Schuhljahres, jetzt da wir 16 oder 17 Jahre alt wären würde sich unsere Sicht der Welt ändern. Er meinte, wir würden lernen unsere Freunde als Menschen zu begreifen. Das kam mir damals sehr komisch vor, ich konnte mir nichts unter der Aussage vorstellen. Was heisst das, seine Freunde als Menschen begreifen? Er sollte jedoch Recht behalten, gegen Ende des Schuljahres hatte sich meine Sicht der Welt geändert und ich verstand was er mit “als Menschen begreifen” gemeint hatte. Und ich verstand warum er es nicht erklärt hatte: man kann’s nicht. Die Sicht auf meine Familie war aber noch immer die gleiche. Meine Mutter war noch immer meine Mutter, mein Vater noch immer mein Vater und meine Geschwister immer noch meine Geschwister. Sie waren selbstverständlich, im Gegensatz zu meinem Freundeskreis der sich bereits oft radikal verändert hatte waren sie immer noch diesselbe Familie und das würde auch ewig so bleiben. Dann kam der letzte Sommer und das erste Mal in meinem Leben sah ich mit meinen eigenen Augen, dass nichts in dieser Welt selbstverständlich ist. Ein Gefühl das ich bereits mehrmals in den Augen von Freunden sah die einen Elternteil verloren hatten aber bis auf diese Empathie noch nie aus erster Hand erfahren hatte. Seit letztem August verspüre ich eine andauernde überschäumende Dankbarkeit. Das mag paradox erscheinen, aber wiederum sollte mein damaliger Biologielehrer etwas Wahres gesagt haben. Ende dieses besagten Schuljahres erklärte er, es wäre ihm eine Ehre gewesen uns einen Teil unseres Weges begleitet haben zu dürfen. Er war der erste Lehrer den ich je so etwas sagen hörte und wiederum verstand ich es nicht. Er war doch bloß ein Lehrer und wir eine Handvoll seiner unzähligen Schüler, wie konnte er geehrt sein nur weil er uns unterrichtet hatte? Es dauerte diesmal länger bis ich verstand was er meinte: jeder Mensch im Leben ist wertvoll, ganz egal ob er zu einem Freund wird oder sich die Leben nur kurz streifen. Ich fühle seit dem Tod meines Großvaters das permanente Bedürfnis allen Menschen in meinem Leben zu danken, ihnen zu sagen was sie mir bedeuten. Meine Familie waren plötzlich nicht mehr “nur” geliebte Leute mit denen ich mein Leben teilte, sie wurden zu aussergewöhnlichen Menschen, solche die man nicht als selbstverständlich ansieht, Menschen für die ich mich glücklich schätzen darf, über die ich mich jeden Moment aufs Neue freue.

Ich glaube ich habe mich erst jetzt auf das Gespräch eingelassen, weil das Vertrauen und die Liebe nicht mehr blind sind. Erst das Wegziehen hat mir erlaubt meine Familie wirklich als Menschen zu erkennen; ich hatte Zeit alleine zum Nachdenken, Zeit um mir bewusst zu werden was das Leben eigentlich ist, um Abstand zu gewinnen und mein Leben einmal von aussen betrachten zu können. Das Resultat ist nicht mehr und nicht weniger als dass ich verstanden habe, dass es schön ist Menschen zu vermissen, denn es ist einer der wenigen ehrlichen Beweise dass man sie liebt. Einen Menschen wahrhaftig lieben heisst, wie man so schön sagt, nicht ihn als unfehlbar anzusehen, sondern zu wissen, dass er es nicht ist und ihn trotzdem über alles zu schätzen.

Vor einem Jahr noch hatte ich Angst davor 20 zu werden und nicht mehr als Teenager zu gelten. Ich sah nur eine abgelaufene Jugend und fühlte mich nicht im Geringsten erwachsen. Es ist viel passiert seither. Ich sehe mich noch nicht als Erwachsenen, ich weiss noch immer nicht konkret was das bedeutet – heißt das Kinder haben, arbeiten gehen, für die Familie sorgen? – aber ich habe das – vielleicht naive – Gefühl ich käme der Sache näher. Ein großer Teil dieser Änderung ist wohl auch die Schuld meiner Grippe vor einigen Wochen. Wenn man morgens um 5 Uhr vor Kopfweh wahnsinnig wird, einem eiskalt ist und man doch schwitzt als säße man in der Wüste, wenn man das erste mal so richtig krank ist und keiner ist da der einem Tee macht oder einfach nur neben einem sitzt und sich sorgt, wenn man noch nicht einmal weiß wie man es zum Arzt schaffen soll ohne die Grippe noch schlimmer zu machen weil’s draußen schneit und der Weg zu Fuß so lang ist, dann sehnt man sich zurück in die Zeit in der man so schnell erwachsen werden wollte. Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch, sagte einmal Erich Kästner. Sich nach Mama zu sehnen die immer da ist, nach Papa der alle Antworten hat und nach den kleinen Geschwistern mit denen man immer wieder mal zankt aber die man trotzdem bedingungslos liebt ist wohl der Teil in mir, der ewig Kind bleiben wird.

Das nächste Mal wenn ich lächele wird etwas anders sein; ich werde wissen warum Kinder mich immer wieder mit Hoffnung erfüllen: sie haben noch diesen wunderschön naiven Wunsch erwachsen zu werden.

4 thoughts on “Erwachsen werden”

  1. Wie wahr…
    Sin iwregens frou dass de deen doten Post net op Englesch geschriwwen hues, soss hätt ech en wahrscheinlech net ganz gelies!

  2. Pingback: sad autumn

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