Liebes Tagebuch, halt diesen Gedanken bitte für mich fest.

Mein damaliger Religionslehrer, Kaplan Bache, der mittlerweile eine eigene Pfarrei hat, sagte einmal es wäre fantastisch Tagebuch zu schreiben; man könnte nach Jahren zu jedem einzelnen Tag zurückgehen und seine Gedanken nachlesen. Eine persönliche kleine Zeitreise. Obwohl ich selbst ein Tagebuch zuhause rumliegen hatte, glaubte ich ihm nicht. Es erschien mir zu mühselig jeden Tag etwas absolut Banales über mein Leben in ein Buch zu schreiben.

Das Tagebuch bekam ich von meinen Eltern zu Heiligabend geschenkt und war enttäuscht – nicht wegen des Tagebuchs, sondern wegen dem was ich nicht bekam: ich hatte mir das Dschungelbuch Game Boy Spiel gewünscht – das ich dann aber Weihnachten von meinen Großeltern bekam. 1995 war das. Ich würde mich ironischerweise wohl noch nicht einmal daran erinnern, hätte ich es nicht in dieses Tagebuch geschrieben. Bis auf einige sporadische Einträge über die nächsten Jahre war meine Begeisterung jeden Tag etwas in dieses Buch zu schreiben aber gering, manchmal habe ich sogar nur reingeschrieben was ich mir im Fernsehen angesehen habe. Und dennoch. Jedesmal wenn ich einen diesen alten Einträge durchlese erinnere ich mich zumindest teilweise an diese Zeit. Heute habe ich V. nach fünf Jahren wiedergesehen. Heute habe ich erfahren, dass wir nach Disneyland fahren. Wie wird die neue Schule wohl sein? D. hat heute etwas auf ihrer Geige vorgespielt, es war so schön. Es sind größtenteils nur einzelne Stichworte und trotzdem öffnet sich eine Welt die ich fast vergessen hatte, wenn ich die Worte lese.

Wirklich viel in dieses Tagebuch geschrieben habe ich erst zur Zeit meiner ersten großen Liebe. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte es nicht getan. Es gibt viele Dinge von denen ich mir gerne einreden würde ich hätte sie erst nachträglich hineininterpretiert, aber wenn man die Geschehnisse schwarz auf weiss hat, ist es schwer sich davon zu überzeugen die Dinge wären nie passiert. Aber Schreiben soll ja angeblich eine Therapie sein.

In gewisser Hinsicht ist dieses Blog wohl die logische Konsequenz aus dem damals entstandenen Drang das Leben festzuhalten. Die Gedanken einzufangen und für immer aufzubewahren. Das Blog ist verständlicherweise nur die Spitze des Eisberges, aber da ich den ganzen Eisberg kenne, führen mich alte Artikel dahin zurück was ich eigentlich dachte als ich sie schrieb. Am meisten prägen mich aber meine Audioblog Dateien. Die habe ich im Laufe der Jahre aufgenommen, ähnlich wie ein Tagebuch führen, nur halt mit Ton. Sie sind einflussreicher als geschriebener Text; meine Stimme zu hören die erzählt was an dem jeweiligen Tag passiert ist hat etwas unheimliches – es ist als ob ich meine Gedanken aufrufen würde und sie noch einmal denken. Heute war ich das erste Mal in meinem Leben auf einem Reiterhof. Letzte Nacht bin ich N. begegnet und habe ihr zum Geburtstag gratuliert. Heute morgen habe ich L. auf meinen Geburtstag eingeladen.

Manchmal ist es schön sich Dinge wieder ins Gedächtnis zu rufen, selbst Dinge die damals nicht schön waren, weil ich mittlerweile einen größeren Teil des Bildes erkenne und verstehe, dass schlechte Dinge auch passieren müssen und manchmal zu etwas Wunderbarem werden können.

Gedanken einfangen ist manchmal schön, manchmal schmerzvoll. Manchmal tun Gedanken auch erst nach Jahren weh. Wenn man feststellt, dass man einmal eine Person über alles geliebt hat und man irgendwann einfach aufgehört hat an sie zu denken. Oder wenn man sich in der Zeit zurückwünscht – all diese Weihnachten zum Beispiel, als mein Großvater noch jedes Jahr die Lichter in der Krippe unter dem Baum eingeschaltet hat.

Fast alle diese Gedanken bringen mich aber heute zum Schmunzeln; sie sind einmal ein Teil von mir gewesen und sie sich wieder zurück ins Gedächtnis zu rufen gibt mir ein Gefühl der Zufriedenheit, fast so als ob meine Seele etwas kompletter wäre. Heute habe ich C. kennengelernt. Sie ist toll. Wir haben vier volle Tage zusammen rumgehangen. Dann verschwand sie – oder ich. Ich habe sie seither nur ein einziges Mal wiedergesehen. Sie stieg in den Bus ein, sah mich an, blieb einen Moment stehen, lächelte und setzte sich neben ihren Freund. Wenn ich die Einträge über sie lese, vermisse ich sie jedesmal.

Das Tagebuch war womöglich das schönste Geschenk, das ich je bekam.

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