Die Generation der Hoffnungslosen

Fireball hat einen äußerst lesenwerten Artikel veröffentlicht, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Dies sind fiktive Tagebucheinträge eines Überlebenden Anfang des Jahres 1990 irgendwo in Westeuropa, inspiriert von Fireballs “Szenario 1: Die totale Zerstörung”.

Tag 742
Eine ganze Weile her seit ich das letzte Mal etwas geschrieben habe. Papier ist Mangelware und zwischen den Straßenkämpfen denke ich nur selten daran das Erlebte aufzuschreiben. Meist, auch jetzt gerade, frage ich mich ohnehin wieso ich überhaupt irgendetwas aufschreibe. Es wird wohl kaum jemand es lesen. Aber wahrscheinlich käme ich um den Verstand wenn ich nicht so tun würde als könnte ich irgendwem dies alles hier erzählen.
Ich habe gerade eine Postkarte von Neuseeland gefunden. Vor zwei Jahren noch gab es Armut und Reichtum, dann wurde Gorbatschov von einer Gruppe Radikaler ermordet. Bushs Reaktion (er nannte es glaube ich “Notwendigkeit einer neuen Weltordnung”) war es, Moskau in die Luft zu jagen. Jetzt gibt es nur noch die Armen ohne Wasser und die Armen mit Wasser. Dazwischen gibt es die Front, Banden die ganze Städte abgrasen und alles und jeden töten um ein ausgetrocknetes Stück Brot und eine halbe Flasche verdreckten Flußwassers zu stehlen.
Ich war mal Anarchist. Ich glaubte daran, dass die Menschheit das Potenzial hätte ohne Regierung zu überleben. Die Anarchie die man seit dem Atomkrieg tagtäglich erlebt sieht anders aus. Was die Bomben nicht zerstört haben, zerstören die Anarchisten.
Die Generation der Hoffnungslosen nannte man uns als die erste Bombe fiel. Manchmal wünsche ich mir, wir wären die letzte Generation gewesen und niemand müsste das alles hier mehr miterleben. Mit etwas Glück werden wir die letzte Generation sein, die wenigen von uns die es noch gibt ermorden sich gegenseitig oder sterben an den Folgen der Verstrahlung, an Hunger oder Durst. Wir leben in einer Welt von Sperrzonen, einem nuklearen Winter in der südlichen Hemisphäre (Ozeanien nannte man das einmal vor langer Zei

Tag 745
Ich weiss nicht wo ich gerade bin. Es könnte Paris sein, aber nirgendwo mehr sind die Ruinen noch erhalten genug um es sicher behaupten zu können. Irgendeine Bande hätte mich vor ein paar Tagen wieder einmal fast erwischt. Ich habe zwei Blätter Papier auf der Flucht verloren und keine Ahnung wo ich neue auftreiben soll. Was zu Essen auftreiben ist jetzt sowieso wichtiger, ist jetzt schon wieder fast eine Woche her.

Tag 768
Habe ich mich eigentlich nie verzählt? Was ist wenn wir erst Tag 767 sind, oder schon 769? Ein Tag länger in der Hölle, oder einen Tag weniger. Ich habe gestern gesehen wie sie ein kleines Kind erschlagen haben weil es ihnen nicht sein Wasser überlassen wollte. Was bin ich nur für ein Mensch geworden, dass ich ihr nicht geholfen habe? Es tut mir so leid.

Tag 774
Julia heißt sie. Sie sagt man spreche das wie Jjüllia aus, mit der Betonung auf dem “a”. Mein Französisch ist mies.
Ich habe sie in einem alten Lagerhaus gefunden, sie versteckte sich dort vor einem Vergewaltiger. Er hielt sie als persönliche Sklavin. Ich frage mich jeden Tag, ob ich schon alles erlebt hätte an menschlichem Abgrund, und jeden Tag wird es schlimmer. Kann Feuer wärmer werden?
Ich habe ihr ein paar Lakritzschlangen gegeben. Es war das Einzige was ich hatte. Seither läuft sie mir hinterher. Ich bin mir nicht sicher ob ich das gut finde. Einerseits gefällt es mir, nicht mehr alleine zu sein, andererseits bedeutet eine andere Person auch doppelt soviele Sorgen und langsameres Vorankommen.
Als ob ich wüsste wo ich hin wollte. Zwei Jahre irre ich nun schon durch Europa. Ich glaube jedenfalls, dass ich noch in Europa bin. Vielleicht bin ich auch in eine ganz andere Richtung gelaufen und das ist nicht Paris sondern irgendeine russische Stadt. Ruinen und Leichen sehen überall gleich aus.

Tag 775
Julia hat mich heute morgen gefragt wo ich herkomme. Da wurde mir klar, dass ich das gar nicht mehr weiß. Ich war sechzehn als der Krieg ausbrach und lebte in einem Vorort von Köln. Mein Vater wurde als Reservist eingezogen und starb noch in der ersten Kriegswoche irgendwo in der Türkei. Meine Mutter starb bereits bei meiner Geburt, also war ich auf mich alleine gestellt. Ich habe keine Ahnung was aus meinen Freunden wurde, die meisten sind gen Süden geflüchtet, weil Australien sich als neutral erklärt hatte. Das intressierte die Japaner aber kaum. Nach einem wackligen Bündnis mit den Amerikanern und der Rache an den Russen warfen sie überall Bomben ab, wo sie es nicht für wert hielten Soldaten für die Eroberung hinzuschicken. Der große Krieg war ein Krieg ums nackte Überleben, bei dem 4 Milliarden Menschen starben. Aus dem Krieg ums Überleben wurde die Nachkriegszeit ums Überleben.
Wo komme ich her? Irgendwie hört sich die Frage belanglos an. Wo ich herkomme – das ist eine Welt die es seit langem nicht mehr gibt. Wen ich zurückgelassen habe – das sind Menschen die ich aus meiner Erinnerung verdrängt habe, weil man heute nur noch als Egoist überlebt.
Beim letzten Satz hat sie mich erschüttert angesehen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie hätte Hoffnung.

Tag 782
Sie hat mich geküsst. Ich fühle mich schlecht. Ich weiss nicht ob ich verliebt bin. Ich war’s noch nie und das einzige Gefühl, das ich die letzten Jahre kannte war Gefühlslosigkeit. Noch nicht mal Einsamkeit. Ich glaube, das ist der Instinkt des Selbstschutzes. Gibt es sowas?
Für einen ganz kurzen Moment habe ich vergessen, dass ich vor Hunger fast sterbe und meine Haut sich trocken anfühlt. Für einen Moment habe ich das Mädchen vergessen, das damals erschlagen wurde während ich mich feige versteckt habe. Das weiss Julia nicht. Würde sie mich noch mögen, wenn sie es wüsste? Ich hasse mich ja selbst dafür. Ach, da ist doch noch ein Gefühl: Hass.

[Fortsetzung folgt bei Interesse.]

5 thoughts on “Die Generation der Hoffnungslosen”

  1. Wow. Zuerstmal über *diese* Reaktion auf den Artikel, was ich absolut genial finde, dann nochmal wow über die Schreibgeschwindigkeit (5000 Zeichen in maximal 2einhalb Stunden) und der Inhalt fasziniert mich auch, nicht nur, aber auch da du einen politisch/historischen Hintergrund reinschiebst. Ja, ich will mehr davon.

  2. Ich hatte Fireballs Artikel bereits am Abend gelesen, wusste irgendwie vor Betroffenheit nicht was ich darauf kommentieren könnte, und jetzt entsteht daraus *das* hier. Ihr bewegt mich. Ich würde mich auf eine Fortsetzung freuen!

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