Die Generation der Hoffnungslosen (2)

Stell dir vor es ist Weltuntergang und jeder hilft mit. Folgendes ist die Fortsetzung hiervon.

Tag 791
Hippies. Ich weiss nicht warum, aber als ich heute morgen aufgewacht bin musste ich sofort an Hippies denken. Oder vielleicht musste ich nicht an sie denken sondern es war noch ein Überbleibsel eines Traumes. Ich glaube mich vage erinnern zu können, dass ich von Hippies geträumt habe.
Julia meint das wäre wegen ihrer Überzeugung die Menschheit könnte in Frieden leben. Aber ist das jetzt ein Wunsch oder eine Angst? Wir haben Frieden, seit mehreren Jahren. Es ist keiner mehr da der einen Krieg anzetteln könnte. Alle Ressourcen sind aufgebracht, alle Armeen dieser Welt wurden ausgelöscht, niedergemetzelt, atomisiert. Selbst wenn es noch irgendwo Sprengköpfe geben würde die aus Zeitmangel nicht abgefeuert werden konnten, weil der Feind schneller war mit dem Abschießen, niemand der einmal die Kommandocodes hatte lebt noch. Oder zumindest glaube ich, dass niemand mehr von denen lebt. Wahrscheinlich aber sitzen sie irgendwo in einem Bunker, hunderte von Metern unter der Erdoberfläche und haben reichlich zu Essen, zu Trinken und sonst alles was das Herz begehrt. Nun ja, ausser Sonnenlicht. Aber diese Scheißkerle verdienen es auch nicht, jemals wieder die Sonne zu sehen.

Tag 804
Vor fünf Tagen sind wir auf der Flucht vor einer Straßengang an einem alten Schrottplatz vorbeigelaufen. Ich hätte es eher niedergeschrieben, aber mein Kugelschreiber war leer. Zumindest war’s nicht wieder das Papier das mir ausging. Noch sieben Blätter. Ich kann mich noch nicht mal mehr erinnern, wo ich diesen Block überhaupt herhabe.

Tag 805
Wieder fast von einer Gang erwischt worden. Ich wusste, dass ich es bereuen würde Julia mitzuschleppen. Man ist einfach zu langsam zu zweit. Gehen lassen oder gar wegschicken möchte ich sie aber nicht mehr.

Tag 809
Die Tage 412 bis 534 sind weg. Ich kann mich nicht daran erinneren, was damals passiert ist. Wohl das gleiche wie fast jeden Tag, jedenfalls nicht aussergewöhnlich genug, dass es sich in meine Erinnerung eingebrannt hätte. Drei Blätter sind unleserlich geworden, weil es letzte Nacht in das Motelzimmer hineingeregnet hat in dem wir Unterschlupf gesucht hatten. Überraschend war das nicht, sonst hätte wahrscheinlich bereits ein anderer das Zimmer in Anspruch genommen gehabt. Wieso sind manche Menschen immer noch wählerisch?

Tag 810
Die Autos. Darüber wollte ich noch schreiben. Julia fing an zu weinen als sie die Autos sah. Ihr Vater war einmal Autohändler, damals, vor dem großen Krieg. Sie weiss nicht was aus ihm geworden ist. Er wurde eingezogen wie jeder Mann über 18, und irgendwann in den ersten Kriegstagen brach das weltweite Chaos aus, Menschen wanderten aus, rannten weg, zerstörten Städte, brannten Wälder ab. Die Medien hörten auf zu berichten, weil niemand sich mehr um Nachrichten kümmerte sondern die letzten Stunden mit der Familie verbringen wollte. Und sowieso waren die meisten Fernseh- und Radiostudios längst nur noch Ruinen. Ich weiss nicht, ob die Regierungen etwas davon mitbekamen. Die waren wohl zu beschäftigt damit, das Nachbarland auszulöschen.
Die Nacht des Feuers nannten die Leute es, als innerhalb von sieben Stunden Berlin, München, Madrid, Rom, Prag und London zerstört wurden. Wer die Bombe auf wen warf weiss ich nicht, wahrscheinlich wusste das auch damals niemand. Es war Weltkrieg, und es hieß jeden und alles von der Landkarte zu streichen, das nicht zum eigenen Territorium zählte. Ich dachte einmal die NATO wäre dazu da, um solche Dinge zu verhindern. Aber ein Militärbündnis schützt nichts und niemanden ausser den Generälen – und Staatschefs, wenn die Zeit reicht.
Vielleicht waren es aber auch in jedem Fall die Sowjets. Oder die Japaner. Oder die Amerikaner. Oder alle drei. Wir werden es nie wissen. Wer war eigentlich alles einmal eine Militärmacht?

Tag 812
Heute ist Julias Geburtstag. Wir haben das vor einigen Tagen einmal ausgerechnet. Kalender gibt’s ja keine mehr. Traurig, dass man sich noch nicht einmal mehr an den Tag erinnert, auf den man sich als kleines Kind doch immer so gefreut hat.
Ich habe ihr eine Tüte Lakritzschlangen geschenkt. Ich hatte sie vorgestern in einem Einkaufszentrum – oder dem, was davon übrig war – gefunden und heimlich in meinen Rucksack gepackt. Sie hat mich geküsst und gesagt: „Ich liebe dich.″
„Ein Danke hätte mir gereicht,” habe ich erwidert und es sofort bereut. Aber ich hatte diesen Satz nicht erwartet. Liebe, was ist denn das? Sie ist weggelaufen und hat geweint.

Tag 813
Mir ist seit gestern furchtbar übel. Ich habe die ganze Nacht wachgelegen und mich gefragt ob ich verstrahlt wurde. Aber ich musste mich noch nicht übergeben (wie auch, mein Magen ist leer). Die Schmerzen sind so schlimm, dass ich sogar weinen musste. Immerhin ist Julia noch immer weg und sie sah mich nicht so. Ich habe noch nie vor Bauchschmerzen weinen müssen.
Ich wundere mich wo Julia ist. Ich bin ihr gestern nachgelaufen aber ich habe sie in einer Nebengasse verloren und sie ist noch nicht zurückgekehrt. Ich weiss nicht wo ich suchen soll. Hoffentlich ist ihr nichts zugestoßen.
Klingt das wirklich… komisch? Oder fühlt sich das nur so an beim Schreiben?

Tag 815
Ich glaube, ich bin doch nicht verstrahlt. Wenn, dann wäre ich womöglich längst tot, aber außer der Übelkeit und den Bauchschmerzen ist nichts hinzugekommen.
Julia ist noch immer nicht da.

Tag 816
Seit vier Tagen streife ich nun wieder alleine durch diese Stadt, die immer weniger nach Paris aussieht, aber auch nicht mehr nach einer anderen Stadt. Als Kind habe ich mir immer wieder gewünscht in einer richtigen Großstadt zu leben. Einer Millionenstadt. Einer Metropole. Alleine das Wort klingt spannend, fand ich mal. Von den Millionen Menschen sind vielleicht noch einige hundert am Leben. Womöglich auch weniger. Man könnte meinen es wäre nicht so schwer, unter hundert Menschen eine Person wiederzufinden. Aber wenn man nicht einmal weiss, wo man suchen soll und dazwischen immer wieder vor Straßenbanden flüchten und irgendwo an Wasser und Essen kommen muss, ist nichts mehr einfach.
Heute morgen als ich aufgewacht bin habe ich lauthals „Ich liebe dich!” geschrien. Meine Mutter sagte einmal, wenn man eine Person liebt und nicht mit ihr zusammensein kann, geht es einem schlecht. Wieso hatte ich das vergessen? Juliaaa! Ich liebe dich! Ich liebe dich, Julia! Ich liebe dich! Je t’aime! Oh mein Gott, ich liebe dich! Wo bist du nur?

[Fortsetzung folgt bei Interesse.]

7 thoughts on “Die Generation der Hoffnungslosen (2)”

  1. Wow, GROSSES Intresse sogar! Irgendwie schein ich das Prequel verpasst zu habe… Ein bisschen Mad Max, ein bisschen 12 Monkeys… Nur halt literarisch anspruchsvoll geschrieben! Weiterschreiben, bitte.

  2. Weiderschreiwen bitte bitte weiderschreiwen. Grousst Kompliment. Weini gett et dat als Buch?

  3. tiptop, weider!

    Huet hien keen sou ee klenge Radio mat fuerchtbar schlechtem Empfang, mat deem en heiensto sou Stemmen héiert, wou en awer nemmen sou eenzel Wieder versteet?

  4. Merci. :)

    Jaybee:
    Ech si réischt bei 2000 Wierder. :)

    Fireball:
    Dach, et gett et och fir Mac. Mee ech sinn net wierklech ee Gamer. :)

    Tchup:
    Wann en een hätt, hätt en e bestemmt scho benotzt. ;) Vläit fennt en awer een… Vläit entdeckt d’Julia een, falls hien et sollt eremfannen… Vläit kennt ee neien Personnage deen een huet… Vläit ginn et guer keng méi well kee méi Stroum huet… Well soen: ech verdierwen net elo schon an de Kommentarer d’Spannung. ;)

  5. Komesch. Et ass net fir d’éischt dass d’Musek déi ech lauschteren iergendwéi genee op däi Text passt. Ech fänke grad dee Moment mat liesen un, wou ech mer Burma Shave mat “Hippies” opgeluegt hunn …

    Lo zu dengem Text: E weist mir dass ech zu där Generatioun gehéieren, un deenen de Kale Krich mat dem atomaren Damokles-Schwäert als Teenager net spuerlos laanscht gaangen ass. Wann ech dat dote liesen, da fillen ech mech iergendwéi agëengt bannenan, e Gefill wat an der Lescht och heiansdo rëmkomm ass wann ech vum Säbelgerassel vun engem Ahmadinedschad, Bush oder och ewell aus der Grande Nation an den Noriichten héieren.

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