Die Generation der Hoffnungslosen (4)

Eine einzige Erinnerung kann ein ganzes Leben sein. Den ersten Teil gibt es hier, den zweiten hier, und den dritten hier.

Tag 833 (Nachtrag)
Mein Kopf hämmert immer noch. Aber diese Gedanken müssen jetzt raus, so schwer mir das Konzentrieren auch fällt. Ich habe sie wieder seit langem. Diese Sehnsucht nach jenen unvergesslichen Tagen in Kiruna vor ein paar Jahren. 1985 war das, nur wenige Jahre vor dem Krieg. Damals dachte noch niemand darüber nach was passieren würde wenn der kalte Krieg ein heißer Krieg werden würde. Dabei war die Gefahr damals schon hoch genug. Aber während den Wanderungen durch die Natur im Norden Schwedens waren ohnehin alle Sorgen verschwunden.

Das war das letzte Mal, dass ich meinen besten Freund Karl sah. Er zog nach dem Urlaub nach München und starb im Winter darauf an der Grippe. Abends noch hatten wir telefoniert und uns vorgenommen im darauffolgenden Winter wieder nach Kiruna zu fahren um einmal im Eishotel zu übernachten. Am nächsten Morgen ist er gestorben. “Perakut” nannte der Arzt das damals, glaube ich. Das ist bloß ein lateinisches (oder griechisches?) Wort um nicht zugeben zu müssen, dass er die Medikamente zu spät bekam.

Ich erinnere mich noch daran wie ich mit Karl und seiner kleinen Schwester Hannah vor der Kirche in Kiruna stand und keiner von uns so recht verstand, wieso die so eine komische Form hat. Mit der roten Farbe konnten wir uns ja noch abfinden, aber diese ineinandergesetzten Dreiecke? Karls Mutter erklärte uns dann, dass es so aussehen soll wie ein Lappenzelt. Aber niemand von uns dreien hatte jemals zuvor ein Lappenzelt gesehen.

Wo war die Kirche eigentlich als die Bombe fiel? Irgendeine Kirche. Der Papst, der Dalai Lama und was es sonst noch alles einmal für religiöse Führer gab. Michael nannte man die erste Bombe. Womöglich auch Mikail, das hängt davon ab wer denn jetzt schlußendlich diese Bombe warf. Der Name jedenfalls passte. Wie ein flammendes Schwert stieß die Bombe durch tausende Häuser und tötete alles und jeden auf ihrem Weg. Ob es einen Gott gibt, der sie in seine Arme aufgenommen hat? Oder haben diese Menschen einfach alle aufgehört zu existieren? Einfach so. Weg. Ausgelöscht. Als wären sie nie gewesen. Aber wozu leben wir dann?

Am letzten Tag in Kiruna sind Hannah und ich Kanu gefahren. In all meinen Erinnerungen finde ich nur wenige Momente in denen ich so gelacht habe. Wir haben uns angestellt als wären wir die dümmsten Menschen der Welt. Einige Male wäre das Kanu sogar fast umgekippt. Manchmal muss man den Verstand ruhen lassen und Unsinn treiben, sonst würde man womöglich irgendwann den Verstand verlieren.
Karl fuhr mit seiner Mutter nach Esrange und sah sich die Raketenbasis an. Ich habe diese Faszination für den Weltraum nie wirklich verstanden. In unserem eigenen Land hatten wir eine riesige Mauer die es in Demokratie und Diktatur unterteilte, warum greift man dann nach den Sternen?
Ich glaube deshalb waren wir aber so gute Freunde, er der Träumer und ich stand mit beiden Füßen auf dem Boden.

Ich hoffe ich werde diese Sehnsucht nicht noch einmal spüren. Die Erinnerungen bringen mich für einen kurzen Moment zum Lächeln, aber dann bin ich umso trauriger. Das Leben wird nie wieder so sein wie früher. Es wird noch nicht einmal ähnlich sein, denn es gibt kein Leben mehr, nur noch ein Überleben.
Ich sehe mir dieses Foto von Karl, Hannah und mir in meinem Medaillon an und frage mich wozu eigentlich alles gut war. Warum gingen wir nach Schweden? Warum tut der Mensch überhaupt etwas, wenn doch alles dazu verdammt ist irgendwann endgültig zu enden? Kommunion, Heirat, Arbeit, Kinder, Familienfeste, Partys, Geburtstage… Alles sind nur Ablenkungen davon, dass unsere Existenz im Grunde genommen sinnlos ist. Eine Laune des Universums. Ein kosmischer Zufall – ein Widerspruch an sich, wofür er zwangsläufig zur Selbstzerstörung führt.

Ich glaube mein Fieber wird schlimmer. Ich gehe besser zurück in Leriches Büro, dort war es etwas wärmer.

[Fortsetzung folgt.]