Die Generation der Hoffnungslosen (6)

Über die Traurigkeit einer erlöschenden Kerze. Den ersten Teil gibt es hier, den zweiten hier, den dritten hier, den vierten hier, und den fünften hier.

Tag 839
Julia hat mir gesagt sie hätte auch geschrieben während ich krank war, aber sie will es mir nicht zeigen. “Irgendwann mal vielleicht,” sagt sie. Wir haben momentan sowieso andere Sorgen. Letzte Nacht ist eine Straßengang in das Büro eingebrochen und wir mussten weglaufen. Wir haben nur die Hälfte der Konservendosen einpacken können und wir haben das Paracetamol vergessen. Hoffentlich wird niemand von uns beiden bald wieder krank.

Wir haben uns dazu entschlossen Paris, wir nennen die Stadt jetzt so auch wenn es sie womöglich nicht ist, zu verlassen. Julia meint auf dem Land könnten wir vielleicht mehr Glück haben. Ein kleiner Bauernhof, wo vielleicht irgendwer überlebt hat und es etwas zu essen und trinken gibt. Darüber ob das eine gute Idee ist bin ich mir noch nicht im Klaren, aber diese Stadt wurde bis auf den letzten Krümel Brot und den letzten Tropfen Wasser ausgeplündert, und irgendwohin müssen wir.

Tag 840
Ich weiss immer noch nicht, wo Julia die ganze Zeit über war in der ich sie vermisste. Sie winkt immer gleich ab und erklärt ich wolle das gar nicht wissen. Aber das macht mich nur noch mehr neugierig – und ängstlich, hat sie wieder etwas Grauenhaftes erleben müssen?

Tag 841
Wir schlafen jetzt abwechselnd. Die Straßen hier draußen sind leer und genau das macht uns beiden Angst, denn es gibt nichts wo wir uns gut verstecken könnten.

Letzte Nacht hat sich eine Fliege auf Julias Nase gesetzt während sie schlief. Sie hat sie im Schlaf mit der Hand weggeschlagen und dann ihr Gesicht verzogen als hätte sie etwas Bitteres gegessen. Ich hätte sie am liebsten sofort umarmt.

Gottseidank war Julia einmal ein Pfadfinder, sonst würden wir uns im Wald verlaufen. Sie will mir nicht verraten, woher sie die Himmelsrichtungen erkennt, sie neckt mich und sagt, das sei ihr kleines Geheimnis. Ich liebe sie.

Tag 842
Es ist weiterhin kein Bauernhof in Sicht. Vielleicht gibt es hier draußen gar keine. Am Nachmittag hat Julia mit zwei Ästen auf ein paar Konservendosen gehämmert. Ich wusste gar nicht mehr, was Musik ist. Es war sehr primitiv und nichts im Vergleich zu meiner Musiksammlung die ich einmal hatte, aber für einen Moment war es das Schönste was ich jemals gehört hatte. Sogar jetzt wenn ich darüber schreibe bringt es mich zum Lächeln.

Eigentlich müsste ich sie jetzt aufwecken und selbst etwas schlafen, aber ich bringe es nicht übers Herz sie aus ihren Träumen zurück in diese Welt zu reissen.

Tag 845
Endlich haben wir einen Bauernhof gefunden, aber er war leer. Wir haben nirgends mehr Wasser oder Essen gefunden, nur ein paar Bettlaken lagen noch in einem Schrank. Wir lagen den ganzen Nachmittag über auf dem verstaubten Sofa und kuschelten uns bloß aneinander ohne ein Wort zu reden. Irgendwann sind wir eingeschlafen und als wir aufgewacht sind war es bereits dunkel. Ich weiss also nicht ob wir noch Tag 845 oder bereits 846 sind. Ohnehin bin ich mir gar nicht mehr sicher, welcher Tag ist, denn ich habe nach meinem Fieber einfach die Tage addiert die Julia da war. Wenn ich einen Tag alleine dort lag habe ich mich verzählt, schon wieder.

Wir haben die Bettlaken eingepackt und sind weitergezogen. Ich glaube der Winter ist da, die Tage kommen mir sehr kurz vor und es wird unerträglich kalt in der Nacht.

Tag 850
Es war uns egal ob das Flusswasser sauber ist oder nicht, wir haben es einfach getrunken. Bisher ist noch nichts passiert, aber es ist auch erst eine knape Stunde her. Wenn wir hier draussen krank werden, werden wir sterben. Der Gedanke macht mir Angst. Der Tod ist seit Monaten und Jahren allgegenwertig, manchmal habe ich mir gewünscht ich wäre eines der ersten Kriegsopfer gewesen; ich hätte eine Woche nach der Nacht des Feuers in Berlin sein sollen, das war seit Monaten geplant. Unser Geschichtslehrer dachte, es wäre eine gute Idee uns die Stadt zu zeigen, die zwischen zwei Ländern geteilt ist, damit wir Geschichte einmal mit eigenen Augen sehen könnten. Wir alle haben die Geschichte miterlebt, ich glaube ich bin der einzige meiner Klasse, der sie bisher überlebt hat.

Wenn wir sterben, leben wir in den Erinnerungen derer die wir zurücklassen weiter. Mein Tod, Julias Tod, es würde ein endgültiger Tod sein, niemand ist mehr da der sich an uns erinnern könnte. Wir, zwei der letzten Überlebenden der Menschen. Und wir trinken Wasser aus einem Fluss, der womöglich vergiftet ist, bloß, weil wir fast verdursten.

Tag 854
Kleines Dorf gefunden. Ältere Frau lebt noch. Hat ein paar Tiere. Brunnen am Marktplatz vor der Kirche. Papier geht zu neige.

[Fortsetzung folgt.]

4 thoughts on “Die Generation der Hoffnungslosen (6)”

  1. Nees exzellent. Du brengs die Stëmmung immens gudd riwwer. Misst dech mat engem Zeechner zesummen doen, kéint een eng super ‘Graphic Novel’ draus man! Ech gesinn d’Biller schon virun mir. Allerdengs kann ech net gudd genuch zeechen, lol.

    An rem gespaant, wéi et weider geht! :)

  2. HUn daat lo fier d’eischt gelies an muss soen et ass zimmlech gudd geschriwwen. Wei den Grommel soot, kennt d’Stemmung, d’Angscht exzellent riwwer an et kann een sech et wierklech zimmlech gudd fierstellen. Ech mengen ech liesen mer dei Stories vun virdrun mol eng Keier duerch. Tiptop!

  3. Super! An di Léift zum Detail: fir d’Buschtawen an der leschter Zeil, wou de Pabeier knapp gëtt och um Schierm graphesch beieneen ze réckelen, dat fannen ech genial. :)

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