Die Generation der Hoffnungslosen (8)

Der Tanz, aus dem ein ganzes Leben wurde. Den ersten Teil gibt es hier, den zweiten hier, den dritten hier, den vierten hier, den fünften hier, den sechsten hier, und den siebenten hier.

Tag 884

Vielleicht hatte ich Unrecht. Es mag nichts Heiliges mehr geben in dieser Welt, aber dieses Leben kommt dem Ganzen doch sehr nahe. Gestern Abend hat Francine uns erzählt, wie sie und Jean sich kennengelernt haben. Sie wuchsen beide in diesem Dorf auf und eines Tages saß Jean sich in der Kirche neben sie. Während der Predigt hat er ihr seine Bibel gereicht, aufgeschlagen im dreizehnten Kapitel des ersten Briefes an die Korinther. Francine kennt den Abschnitt noch immer auswendig.

“Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf.”

Nach der Messe hat er sie gefragt, ob sie am darauffolgenden Freitag mit ihm zum Tanzen gehen möchte.

Julia und ich saßen auf dem Boden vor dem Kamin und haben ihr gebannt zugehört. Die gelben und rot-orangenen Farben des Feuers spiegelten sich im Glas ihrer Lesebrille. Wie sie dort saß, im Halbschatten des Kaminfeuers, die Hände auf einem geschlossenen Fotoalbum, schien es, als wäre diese Seele bloß ein nachklingender Moment einer seit langem verlorenen Vergangenheit. Die Erinnerung an einen Tanz aus dem ein ganzes Leben wurde, das gestern Abend mit der Geschichte über eine Liebe aus einer anderen Welt endete.

Tag 885

“Ich liebe deine Grübchen.” Sie sah mich mit ihren dunkelbraunen Augen an, in denen sich mehr Bilder von der Welt und mehr Geschichten des Lebens reflektierten als in irgendwelchen anderen Augen dieser Welt. Dann lächelte sie und küsste mich.

“Mach die Welt wieder heil. Erzähl mir eine Gute-Nacht-Geschichte mon nounours.” Mit meinem braunen Krauselhaar würde ich sie an ihren liebsten Bären erinnern als sie noch klein war, verriet sie mir einmal. Ob ich ihr Wunsch nach kindlicher Unschuld bin?

“Welche denn?”

“Egal. Le Petit Chaperon Rouge. Oder erfinde eine.”

“Ich bin ein sehr mieser Geschichtenerzähler.”

“Das weisst du doch nicht. Du hast noch nie eine erzählt.”

“Wusstest du, dass Charles Dickens einmal sagte Rotkäppchen wäre seine erste Liebe gewesen?”

“Das klingt nach einer sehr schlechten erfundenden Gute-Nacht-Geschichte.”

“Das ist keine Geschichte. Das ist wahr. Er sagte, hätte er Rotkäppchen heiraten können hätte er das vollkommene Glück gekannt.”

“Erzähl mir die Geschichte.”

“Von Rotkäppchen?”

“Von Charles und seinem Rotkäppchen.” Sie legte sich seitwärts ins Bett, ihren linken Arm unter das Kopfkissen und kuschelte sich unter die Decke, dann sah sie mich erwartungsvoll an.

“Du bist echt kompliziert,” neckte ich sie.

“Deshalb liebst du mich doch,” erwiderte sie. Das stimmt.

Tag 886

Allmählich fühlt sich dieser Bauernhof an wie ein Zuhause. Das Gefühl, dass man irgendwo hingehört hatte ich seit langem vergessen. Als Wanderer hat meine keine Heimat. Und zurück an den Ort, den ich einmal Zuhause nannte, kann ich nicht, denn den Ort gibt es nicht mehr.

Je mehr es sich nach Zuhause anfühlt, umso mehr stellt sich mir die Frage, ob ich hier bleiben will. Wird der Rest meines Lebens sich auf diesem Bauernhof abspielen? Ich habe alles hier was ich zum Glücklichsein brauche, aber die Jahre als Wanderer gingen nicht spurlos an mir vorbei. Je länger ich hier bin desto mehr wächst die Sehnsucht danach weiterzuwandern. Ich verstehe das nicht. Ich bin doch an dem Ort, den ich so lange gesucht habe. Habe genug zu essen, zu trinken, Julia ist bei mir, und Francine ist mir auch ans Herz gewachsen.

Tag 890

Wir haben heute eines der Schweine geschlachtet. Julia hatte Tränen in den Augen als wir es getötet haben. Francine und Jean hätten jetzt gegen Ende dieses Winters ihren fünfzigsten Hochzeitstag gefeiert, und sie meinte, das müsse gefeiert werden. Ich weiss nicht, was mein Herz mehr zerrissen hat: das grauenvolle Schreien des Schweines oder die Tränen von Julia.

Ich hatte vor dem Schlachten nicht wirklich darüber nachgedacht, zu verlockend war die Vorstellung nach sovielen Jahren endlich wieder Fleisch zu essen. Als Francine das Schwein zubereitet hatte, aß Julia bloß Salat. Ich glaube Francine war wütend, aber sie hat nichts gesagt. Wir saßen nur schweigend da, und Francine und ich haben alleine vom Schwein gegessen. Julia hat die ganze Zeit zu meinem Teller rübergeschaut. Ihre Augen waren noch immer feucht. Sie hat mich den Rest des Tages ignoriert.

Tag 892
Ich war gestern Nachmittag gerade wieder einmal dabei in Jeans Büro zu stöbern, als Julia plötzlich in der Tür stand. Sie hatte seit dem Schlachten nicht mehr mit mir geredet. Sie setzte sich langsam in den Sessel – sonst lässt sie sich immer hineinfallen – und sah mich ernst an.

“Was ist los, Süße?” Ich hatte mir gerade Robinson Crusoe aus dem obersten Regal geangelt und ließ es prompt auf den Boden fallen als ich von der kleinen Leiter stieg. “Hör mal, wegen gestern… Es tut mir leid.”

“Nein, ich bin nicht mehr wütend… Doch. Aber…”

Ich blieb stumm und sah sie nur fragend an.

“Ich dachte bloß… Jetzt da wir überlebt haben… und… alles ist irgendwie…”

Ich nahm mir Jeans Bürostuhl, stellte ihn vor den Sessel und saß mich vor sie. Dann nahm ich ihre Hände.
“Egal was es ist, du kannst es mir sagen.”

“Ich weiss. Und das versuche ich ja auch, aber die Worte wollen nicht raus,” sie begann zu schluchzen und senkte den Kopf. Dann drückte sie meine Hände. “Du sagst doch immer ich sei deine kleine Lichtfee, ich würde dir Hoffnung geben in dieser Welt voller Elend.”

“Ja…”

“Als ich euch sah wie ihr das Schwein getötet habt, da kam alles zurück. Das Geschrei. Das Blut. Und wie ihr immer wieder auf es eingeschlagen habt bis es plötzlich still war. Alles kam zurück. Ich glaube ich habe all meine Hoffnung aufgebraucht.”

[Fortsetzung folgt.]

5 thoughts on “Die Generation der Hoffnungslosen (8)”

  1. Ech mengen ech hunn et vun hei, well ech déi Geschichten als klengt Kand gelies hunn. Et war jiddferfalls kee bewosste Choix. A nee, de Jong nennen ech net Jan.

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