Die Generation der Hoffnungslosen (9)

Den ersten Teil gibt es hier, den zweiten hier, den dritten hier, den vierten hier, den fünften hier, den sechsten hier, den siebenten hier, und den achten hier.

Tag 894
Was soll ich bloß Julia

Tag 897
Es ist Ich

Tag 906
Ich will schreiben. Ich will wirklich. Aber es geht einfach nicht.

Tag 937
Ist es vorbei? Ist es endlich vorbei? Anderthalb Monate starre ich jetzt schon auf dieses Papier und frage mich wann ich diese Sätze ohne Fragezeichen schreiben könnte. Ich bin kein Arzt, ich weiss nicht wie man diagnostiziert. Wäre Francine nicht gewesen hätte ich gar nicht weiter gewusst. Ihr Bruder hatte vor einigen Jahren auch einmal eine Depression.
Sie isst wieder freiwillig. Das sei ein großer Schritt Richtung Gesundheit, meinte Francine. Sie liegt aber noch den ganzen Tag im Bett.
Wir haben alles versucht um sie aufzumuntern. Leer und sinnlos fühle sie sich, sagte Julia. Aber das wäre ihr egal, denn alles sei egal.
Ich frage mich wieviel Energie ich noch übrig habe. Wie lange ich noch stark genug für uns beide sein kann. Den Tag über arbeite ich und Francine kümmert sich um Julia, sorgt dafür, dass sie trinkt und wenigstens ein bisschen isst, und in der Nacht sitze ich schlaflos neben ihrem Bett und wünsche mir ich könnte ihr einen schönen Traum schenken.

Tag 938
Ich hatte mir vorgestellt, der Tag an dem ich nur französisch reden würde, würde Julia mir sagen wie stolz sie auf mich wäre. Aber sie hat den Tag noch nicht einmal miterlebt. Francine sagte, sie hätte die Augen heute gar nicht geöffnet. Das sei normal, ein Tag könnte man sich etwas besser fühlen und am nächsten Tag wieder zurück am Anfang sein, leer und sinnlos.

Tag 944
Ich arbeite doppelt so viel wie vorher, nur um meine psychische Kraftlosigkeit unter physischer zu verdrängen. So ohnmächtig wie ich mich fühle frage ich mich, wie schlimm es Julia erst gehen muss. Ich weine, sie hat noch nicht einmal die Kraft ihre Gefühle auf die Weise herauszulassen.
“Si ça continue faudra qu’on construit une nouvelle arche,” meinte Francine heute Morgen. Seit einer Woche stürmt es draussen als ginge die Welt unter. Was wohl auch passieren würde, wäre sie nicht bereits untergegangen. Ich hoffe nur, das Wasser wird nicht ins Haus hineinlaufen.
Es fiel mir bisher nie auf, aber die Landschaft um dieses kleine Dorf ist eigentlich schön. Die Natur hat einige Stellen bereits zurück erobert, an manchen Häusern wuchert das Efeu wie verrückt und überall wächst Löwenzahn. Um das Dorf herum erstrecken sich weite Felder bis zum Horizont. Ein bisschen erinnert es mich an Kiruna und den Norden Schwedens. Eine Welt unberührt vom Menschen, wo die Natur alles schön sein lassen kann. Womöglich fühlt sich dieses Dorf deshalb etwas an wie Heimat.
Die Welt ist wohl doch nicht untergegangen. Nur eine Zivilisation.

Tag 953
Heute morgen kam Julia in die Küche und hat sich an den Frühstückstisch gesetzt. Sie hat kein Wort gesagt, und weder Francine noch ich haben nachgefragt. Ich wusste nicht, ob ich etwas sagen sollte, und da Francine still blieb dachte ich mir es wäre besser auch nichts zu sagen. Ich sah Julia an und lächelte. Dann legte ich meine linke Hand auf ihre rechte. Sie blickte auf und ich glaube ihre Lippen deuteten ein Lächeln an.

Tag 954
Wir haben die ganze Nacht über geredet. Julia sagte mir, sie habe Francine viel erzählt über ihr Leben vor dem Krieg und von dem Mann, den sie nur als maître anreden durfte und der sie als Sklavin hielt. Ich wunderte mich warum Francine mir nie davon erzählte oder warum Julia nicht mir mir redete, aber dann blickte Julia in meine Augen als ob sie etwas in ihnen suchen würde.
“Du sagtest einmal, du würdest es nicht ertragen können mich leiden zu wissen, noch nicht einmal in der Vergangenheit. In all dem Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit hätte ich es doch nicht ertragen können wenn du dir noch mehr Sorgen um mich gemacht hättest.”
“Ich liebe dich. Und wenn du mich brauchst, bin ich da. Auch wenn es mich selbst zerstört. Du bist das Einzige auf dieser Welt, das es noch wert ist um jeden Preis zu beschützen.”
“Nein. Du bist es auch.”
“Weisst du, es gab Momente da dachte ich, ich würde dich nie wieder sehen.”
“Ich war doch aber hier?”
“Ja. Aber auf eine gewisse Weise warst du auch weg. Ich will dich nicht verlieren. Diese Wochen waren noch schlimmer als damals…”
“Ich wünschte mir, ich wäre nicht weggelaufen.”
“Wo warst du?”
“Nein. Ich werde nie wieder deine Julia sein.”
“Das wirst du immer. Wenn du es Francine erzählen kannst…”
“Das habe ich Francine nicht gesagt. Das werde ich auch nie. Sie würde mich sofort wegschicken.”
“Das würde sie nie tun. Sie saß jeden Tag neben dir und hat sich liebevoll um dich gekümmert. Du bedeutest ihr sehr viel.”
“Ich würde mich selbst wegschicken. Ich dachte ich könnte es verdrängen, vergessen. Aber es ist zu stark. Ich sehe es immer wieder vor mir. Wie er… Wie ich…” Sie schluchzte und blickte einige unendliche Momente auf ihre zitternden Hände.
“Was ist passiert? Diese Ahnungslosigkeit quält mich mehr als es irgendeine Wahrheit könnte.”
“Du wirst mich nicht mehr lieben.”
Sie setzte sich auf und drehte sich von mir weg. Ich stand auf und ging um das Bett herum, kniete mich vor sie auf den Boden, und hob ihr Kinn sanft hoch, so dass ich ihr in die Augen sehen konnte. Sie drehte sich wieder weg.
“Sieh mich an,” sagte ich sanft. Eine Träne lief ihre Wange herunter. “Julia, was du vorhin in meinen Augen gesucht hast…”
“Mich. Ich habe mich gesucht. Gibt es mich in deiner Seele? Bist du der Teil von mir der fehlt? Wirst du wirklich immer da sein?”
“Es gibt keine Kirche mehr, ich kann dir keine ewige Liebe vor einem Gott mehr schwören, und ich kann dir noch nicht einmal einen Ring schenken, aber ich werde dich immer lieben.”
Sie sah mich an und ihre Augen funkelten kurz auf. Doch dann brach eine Art Traurigkeit über sie herein die ich noch nie gesehen hatte.
“Ich habe ihn getötet.”

[Fortsetzung folgt.]

3 thoughts on “Die Generation der Hoffnungslosen (9)”

  1. :-) Ich wusste, dass da noch eine Kehrtwende kommt, bzw. habe es gehofft. Ich bin umso gespannter auf die Fortsetzung!
    (Und nein, kritikfähiger bin ich im Moment nicht.)

  2. irjhendwéi war ech total iwwerzeegt dat vum Plakat géif sech op heen bezéihen. Hätt nie geduet, dass det em d’Julia kéint goen…
    An deen Moment wou sie sech géigensaiteg soen, dass sie et wert sin beschützt ze gin as sou schéin :)

  3. En Teaser dacht jo nemmen eppes, wann en näischt tatsächleches iwwer d’Geschicht verréit. ;)

    Ech mengen et geet awer elo erem duer mat der Romantik. Soss gett dat nach eng richteg Liebesgeschicht. *schudder* :)

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