Von Kriegen, Stille, Alkohol und chronischer Grundlosigkeit

Das Leben könnte so schön sein. Ich träume vom Land der Gletscher, Vulkane und ältesten Sprache der Welt, habe mir leckere Köttbullar gekocht, die Regentropfen schlagen gegen mein Fenster als wollten sie sagen “sieh her, der Winter ist da,” aus meinen Lautsprechern klingt das absolut wunderschöne Viðrar vel til loftárása — es entbehrt natürlich, gebe ich zu, nicht einer gewissen Ironie, denn Regen ist wohl kaum das ideale Wetter für einen Luftangriff —, und ich habe wieder einen Proviant an Kirschensaft, der mich an die Urban Bar erinnert, an Joël und an A., und diesen großartigen letzten Sommer der so schnell vorbei war.

Ich liebe Kirschensaft. Jedesmal wenn ich im Supermarkt an den alkoholischen Getränken vorbeigehe schaue ich mir an welche Arten von Bier, Whiskey und Rum sie verkaufen, wundere mich warum im gleichen Regal Cola und Schweppes stehen und frage mich ob die Briten zu dumm sind, den Weg vom Alkohol zu den Limonaden (wahlweise auch umgekehrt) zu finden. Dann sage ich mir jedesmal Alkohol gehöre halt irgendwie zum Studentenleben dazu, und stelle die gerade ausgewählte Flasche wieder zurück ins Regal. Ich schaue mir das Mädchen in der Kasse vor mir an, rede sie aber nicht an, denn die Magie würde verschwinden, und denke mir Geschichten über ihr Leben aus während ich mich an eine Szene aus Tommy Jauds Resturlaub erinnere, wo der Hauptcharakter sich zu Hause fühlt als er das erste Mal in den Supermarkt einkaufen geht, weil man das als Tourist nicht macht.

Das Leben könnte so schön sein. Ich habe mir ein neues Hörspiel des genialen Labels Lauscherlounge gekauft mit meinem Lieblingssprecher Simon Jäger (der spricht unter anderem Matt Damon, Jet Li, Heath Ledger), nächste Woche kommt eine Freundin mich besuchen, am Dienstag werde ich endlich Northern Lights sehen — ich weigere mich strikt, den bescheuerten amerikanischen Titel zu benutzen, denn es ist kein Kompass —, in einer Woche werde ich längst wieder zu Hause sein und mir Love, Actually ansehen, die schönste Weihnachtskomödie die je gedreht wurde, und ich werde bald die Menschen wiedersehen die ich liebe.

Es ist still im Haus, so wie es die letzte Woche über immer war. Ich weiss nicht wo sie alle sind. Ehrlich gesagt kümmert’s mich auch nicht. Diese Menschen wurden mir irgendwann im Laufe der letzten Wochen egal. Sie waren nicht wichtig genug um sie zu hassen, also wurde ich gleichgültig. Die beiden von ihnen die ich mag sehe ich ohnehin fast nie, da ich morgens und mittags Kurse haben und sie mittags und abends — auf einem anderen Campus. Womöglich mag ich sie deswegen noch. Ich mag diese Stille. Ich liebe es nach einem langen Tag an der Uni nach Hause zu kommen und mich auf’s Bett legen zu können mit einem guten Buch oder einfach nur Musik zu hören, ohne, dass mich jemand auffordert den Tag mit einem Besäufnis zu beenden. Manchmal frage ich mich, ob ich alle netten Menschen der Welt schon kennengelernt habe und ich ab jetzt nur noch Idioten begegnen kann. Aber selbst wenn, ist es mir egal, denn immerhin kenne ich bereits tolle Menschen. Ich mag es, in Ruhe gelassen zu werden. Es ist besser als Gespräche zu vermeiden, weil der Gesprächspartner mit zweihundert-prozentiger Sicherheit es schaffen wird von Drogen und/oder Drogentrips zu erzählen — wo mich am Ende am meisten erschrickt, dass ich für solch irren Gedanken gar nicht erst Drogen brauche. Ich liebe es auf der Uni Freunde zu treffen, was zusammen essen oder trinken gehen oder ins Kino gehen, und zu wissen, dass ich danach in meine Wohnung kann und niemand auf mich wartet. Denn ich brauche die Einsamkeit, so wie ich die Menschen brauche.

Das Leben könnte so schön sein. Warum hat die Menschheit Abgabetermine erfunden? Die Playlist ist bei den Einstürzenden Neubauten angekommen. Weil, weil, weil.

2 thoughts on “Von Kriegen, Stille, Alkohol und chronischer Grundlosigkeit”

  1. “Denn ich brauche die Einsamkeit, so wie ich die Menschen brauche.” – Als Student fühlte ich ähnlich wie du. Heute sehe ich das auch noch so. Einsamkeit (er)leben war damals aber anders.

    Kleine sprachliche Konfusion am Rande: Mit “Kirchensaft” meintest du wohl “KirSchensaft”? Oder handelt es sich dabei um eine kirchliche Spirituose? ;)

    Außerdem: Der “Weg vom Alkohol zu den Spirituosen”, hast du das absichtlich so formuliert? (Ich sehe keinen Weg dazwischen.)

  2. Ich habe mich auch schon vorher so gefühlt, es hat nichts direkt mit meinem Studentenleben zu tun. Ein Moment des Zusammenseins kann mich zwar inspirieren, aber sehr oft erst im Nachhinhein, und Inspiration fühlt sich an als würde man in eine andere Welt befreit. Ich liebe dieses Gefühl. Und es ist fast nur möglich in der Einsamkeit (oder Stille). Vielleicht werde ich die Einsamkeit in ein paar Jahren anders erleben, aber eigentlich gefällt es mir so wie es gerade ist. :)

    Ach Mist, ja danke. Freudsche Fehlleistung, ich habe mich in letzter Zeit wohl zu oft mit der Kirche auseinandergesetzt…
    Ich darf so spät nicht mehr bloggen. -.- “Der Weg vom Alkohol zu den Limonaden” sollte das heissen.

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