Die Generation der Hoffnungslosen (10)

Den ersten Teil gibt es hier, den zweiten hier, den dritten hier, den vierten hier, den fünften hier, den sechsten hier, den siebenten hier, den achten hier, und den neunten hier.

Tag 122
Mit einem Schlag war alles weg. Die Welt. Das Leben. Ich. Je suis vide. Und nichts wird je wieder in Ordnung sein, geschweige denn gut. Das letzte Lachen ist verbraucht, selbst die Tränen sind alle aufgebraucht. Das Bild hat sich auf ewig in meine Erinnerung gebrannt, meine Seele gebrandmarkt. Ich hatte immer gehofft es würde mir besser gehen wenn ich ihm sage was passierte nachdem ich wegelaufen war. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber schließlich stirbt sie doch.

Er sagt, er könne das verstehen. Er hätte wohl das Gleiche an meiner Stelle getan. Aber in seinen Augen konnte ich sehen wie ein Schrecken aufblitzte. Dann saß er nur noch schweigend da, hielt meine Hände die ganze Zeit über als würde er versuchen sich an der Person festzuhalten die er in mir sieht aber die ich nicht mehr bin. Ich hätte nicht weglaufen sollen.

Ich konnte sehen wie sein Herz Risse bekam. Wie sein Verstand versuchte alles zu rationalisieren, sich verzweifelt bemühte sich von der eigenen Logik zu überzeugen. Ich bin keine Lichtfee mehr.

Es gab Momente, da habe ich darüber nachgedacht. Aber als es dann passierte war es im Affekt. Ich konnte meine eigenen Schreie hören, Echos aus der Vergangenheit, wie sie unter den Ruinen versanken und immer leiser wurden. Sein Lachen übertönte alles. Sein diabolisches Lachen wie er der Mutter die Kleider vom Leib riss während sie krampfhaft versuchte ihr Baby festzuhalten. Dann ist es mit dem Kopf auf den Boden aufgeschlagen und er hat sich auf die Mutter gestürzt. Ich wurde zu einem Racheengel.

Warum fühle ich mich nicht besser? Ich habe doch nun alles gebeichtet. Warum hat das jahrtausendelang Menschen vor dem Wahnsinn bewahrt, aber ich fühle mich noch so schlecht wie vorher? Du hast versucht ein Leben zu retten, Julia. Ich habe ihn bei dem Glauben gelassen. In Wahrheit war es etwas anderes. Das Baby sterben zu sehen war grauenhaft, aber deshalb habe ich es nicht getan. Ich war von Hass erfüllt.

Die Mutter hat mir nicht gedankt. Ich stand bloß da, den blutverschmierten Ziegel noch immer fest in meinen Händen. Ich sah ihn mir in aller Ruhe an. Le maître. Wie er auf einmal gar kein Meister mehr war, sondern nur noch eine leblose Hülle. Ein ausgelöschtes Leben das es nie hätte geben dürfen. Das Blut am Ziegel tropfte langsam zu Boden, während sein Kopf mit dem Gesicht nach unten in einer Blutlache lag. Ich habe erst nach einigen Minuten begriffen, was passiert war.
Ich habe mal gehört es hätte vor langer Zeit ein Indianervolk gegeben, das die Toten stets mit dem Gesicht gen Himmel begraben hätte damit der Verstorbene in das Jenseits fahren kann. Ich drehte ihn nicht um. Die Mutter saß bei ihrem Baby und hat geschrien.

Ich saß die ganze Nacht über neben ihr. J’veux plus. J’peux plus. Das waren die einzigen Sätze die sie sagte. Kurz vor Sonnenaufgang schlief ich ein und als ich Mittags aufwachte hatte sie sich erhängt.

Ich habe die halbe Wahrheit erzählt. Ich habe die ganze Wahrheit niedergeschrieben. Aber mir geht es nicht besser. Es wird mir nie wieder besser gehen. Diese Welt ist kein Platz für Menschen die unbeschwert sein wollen.

Tag 960
Zwei Pullover reichen kaum noch um mich in der Nacht warm zu halten. Die Teekanne ist auch langsam leer, und ich habe das Gefühl ich hätte mich verlaufen. Ein Kompass nützt nicht viel ohne Karte. Wann erreiche ich endlich dieses Orléans? Hoffentlich hat irgendeine Apotheke den Krieg überstanden. Wenigstens regnet es nicht mehr so heftig wie noch vor ein paar Tagen.

Wie es Julia wohl gerade geht? Jetzt da ich wieder alleine bin fange ich erst langsam an wirklich zu begreifen was die letzten Tage passiert ist. Ich hatte ihr versprochen sie nie wieder alleine zu lassen, und doch habe ich sie zurückgelassen.

Ich hätte ihr von dem Mädchen erzählen sollen, das ich nicht gerettet habe. Aber ich konnte nicht. Zu sehr schmerzte mich ihre Geschichte und zu sehr fürchtete ich unser bisschen Heiles das uns am Leben hält könnte in sich zusammenfallen. Vielleicht hätte es ihr aber auch gezeigt, dass in dieser Welt jeder schreckliche Dinge tut. Oder sie wäre wieder weggelaufen. Womöglich war Schweigen besser. Es wollten sich ohnehin keine klaren Worte in meinem Kopf formen. Ich saß bloß da und habe ihre Hände gehalten. Ich bin noch hier, Julia. Fühlst du, ich halte dich fest. Ich werde dich immer halten. Komme was wolle.

Ich hätte das Gleiche getan. Die Sätze waren eine Lüge, denn ich tat es nicht. Ich weiss nur Bruchteile von dem was er ihr angetan hat. Aber für diese wenigen Dinge hatte er den Tod bereits verdient.

Als Julia mir alles erzählt hatte hat sie mich nur angesehen. Ihre Augen waren leer. Das erschrak mich mehr als das was sie mir gebeichtet hatte. Diese Augen die soviel Unheil gesehen haben, die eine Depression überstanden haben, die immer wieder Schönes sahen wo nur Ruinen waren, die mir das Gefühl gaben alles könnte doch noch irgendwann gut werden, sie waren leer. Nichts war mehr in ihnen. Keine Geschichten, keine Seele, keine Liebe, kein Leben.

Sie mag jemanden getötet haben. Aber diese Woche starb ein Teil von ihr.

[Fortsetzung folgt.]

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